Das Einhorn

Die Schneeflocken fielen leicht, verspielt und doch auf eine besondere Weise geordnet vom Himmel herab. Der Schnee lag weich und besänftigend über den Feldern. Auch der Waldweg war verschneit und bei jedem Schritt entstand ein Knirschen. Ansonsten war es wohltuend still. Gemächlich schritt ich weiter in den Wald hinein und jeder dieser Schritte brachte mich meiner inneren Ruhe näher. Die Winterluft klärte meine Gedanken und die Bewegung trieb die Schwere aus meinem Körper. 

Ich war schon länger unterwegs und doch fühlte ich keine Müdigkeit. Eine innere Kraft schien mich anzutreiben und so folgte ich dem Weg bis ich auf eine Waldlichtung traf. Obwohl ich schon viele Stunden in diesem Wald verbracht und unzählige Spaziergänge darin unternommen hatte, war ich noch nie hier gewesen. Etwas erstaunt über diese Tatsache setzte ich mich auf einen grossen Stein. Trotz des Schnees roch ich das Moos, welches auf dem Stein lag. Es schien mir, als ob die Ruhe und die Stille hier noch intensiver wären. 

 

Einige Augenblicke später durchströmte mich ein innerer Friede, der sich immer mehr in mir ausbreitete. Ich verlor jegliches Zeitgefühl und erlebte einen der seltenen Augenblicke des absoluten Seins im Hier und Jetzt. 

Sanft wurde ich aus diesem Zustand zurückgeholt. Etwas hatte mich am Arm gestupst – und gleich danach noch ein zweites Mal. Wie im Traum schaute ich in die Richtung, aus der etwas weich meinen Arm berührt hatte. 

Weiss wie der Schnee stand ein Einhorn neben mir. Seine Augen schauten mich voller Güte und Weisheit an. Die Liebe und Sanftheit, die von ihm ausging, hüllten mich wie eine weiche Decke ein. In diesem Augenblick war es das Normalste der Welt, auf einer Waldlichtung einem Einhorn zu begegnen und mich von seiner Kraft erfüllen zu lassen. Wieder war ich ausserhalb der Zeit und liess mich ganz auf diese Begegnung ein. Da waren keine Fragen, nur das absolute Sein. 

 

Doch dann kehrten meine Gedanken zurück. Wieso nur konnte ich im Alltag nicht öfters solche Momente des inneren Friedens und der Ruhe erleben. Ständig war ich beschäftigt, immer gab es noch etwas zu erledigen. Momente der Stille und Besinnlichkeit hatten Seltenheitswert. 

Das Einhorn stand jetzt direkt vor mir und blickte mich an. Sein Kopf war leicht gesenkt und seine Augen suchten meinen Blick. In meinem Herzen konnte ich seine Stimme wahrnehmen – leise und doch ganz deutlich. 

„Lass es geschehen. Lass deine Trauer und deine Enttäuschung zu. Sei liebevoll mit dir. Es ist eine Zeit, die mit grossen Herausforderungen an euch herantritt. Viele von euch befinden sich im Moment zwischen den Welten. Das Alte lässt sie noch nicht los, doch das Neue zeigt sich ihnen schon und ihre Seele fühlt sich davon angezogen. Die alte Welt befindet sich in einem starken Wandel und das Neue muss sich erst manifestieren. Dies verunsichert euch und ruft manchmal starke Zweifel hervor. Seid geduldig mit euch und versucht euch an das Neue zu gewöhnen. Es ist dies nicht mehr die Zeit, um euch an alten Werten zu orientieren. Habt Mut euch auf das Neue einzulassen. Zögert nicht Neues auszuprobieren und neue Wege zu gehen. Seid dabei achtsam und liebevoll. Die Liebe vermag eine Brücke vom Alten zum Neuen zu bauen und euch somit den Weg im Hier und Jetzt zu weisen. 

Sei dir gewiss, dass alles seinen Lauf nehmen wird und alles seinen Sinn hat. Zweifle nie an der Grossartigkeit des grossen Ganzen, denn seine Pläne sind vollkommen. Nur fehlt dir manchmal die übergeordnete Sichtweise, um dies zu erkennen. Liebevoll annehmen was ist, Frieden schliessen mit dem, was gewesen ist und dir gewahr werden, dass alles seine Ordnung hat. Genau wie die Schneeflocken – leicht, verspielt und doch auf eine Weise geordnet. So spielt sich auch euer Leben ab.“ 

Ich erhob mich von meinem Stein und ging langsam auf das Einhorn zu. Es schien Vertrauen zu mir zu haben, denn es wich nicht zurück, als ich es langsam und sanft streichelte. Sein Fell fühlte sich warm und unglaublich weich an. Doch am meisten berührte mich seine Ausstrahlung, welche zugleich sanft und kraftvoll war, vor allem aber von einer unendlich grossen und reinen Liebe zeugte. 

Erfüllt von dieser Liebe machte ich mich auf den Heimweg. Nun hatte ich wieder Mut in meinem Herzen. Mut, um Altes zu verabschieden und mich auf das unbekannte Neue einzulassen mit dem Wissen, dass ich geführt werde.


Verliere dich nicht auf der Suche nach dem grossen Glück. Geniesse stattdessen die kleinen Glücksmomente, die dir zuteil werden.                                                                                                                                                                                                                                                                                        

Nadine Stübi